Im Rechtsrheinischen

Während das linksrheinische Köln befreit war und sich vorsichtig tastend in die Nachkriegszeit strebte, glich der Kölner Osten jenseits des Rheins bis Mitte April einer belagerten Stadt, in der jedes öffentliche Leben weitgehend erloschen war. Die Gegend am Fluss galt als „Kampfzone“, in der auf Zivilisten keinerlei Rücksicht genommen wurde.

Das was an „öffentlichem“ Leben noch geblieben war, wurde aus NSDAP-Ortsgruppenleitern, SA-Männern und Jugendlichen bunt zusammengewürfelten, zumeist in Bunkern stationierten Volkssturmverbänden als „Ordnungskraft“ überwacht, von denen eine unkontrollierbare, häufig tödliche Gefahr ausging.

Da sie den Rheinübergang in Köln nicht erzwingen wollten, sondern sich über die Remagener Brücke von Süden her näherten, dauerte es noch rund fünf Wochen, bis US-Verbände am 11. April die Sieg überschritten und sich den rechtsrheinischen Stadtteilen näherten. Mit der widerstandslosen Besetzung von Deutz, Kalk, Mülheim, Humboldt und Buchheim war der Krieg am 14. April auf Kölner Boden endgültig beendet.

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Das „Terrain“ und die Akteure

Luftaufnahme der Chemischen Fabrik Kalk, Ende April 1945 (NS-DOK/National Archives and Records Administration, Washington D.C.)

Nachdem es der Wehrmacht unter großen Materialverlusten gelungen war, den Großteil ihrer Truppen auf die rechte Rheinseite zu bringen, baute sie dort östlich der Autobahn Oberhausen-Frankfurt eine neue Frontlinie mit schweren Flakbatterien auf. Das Gebiet zwischen dieser Linie und dem Rhein wurde kurzerhand zur „Kampfzone“ erklärt, ohne dass es gelang, die Zivilbevölkerung zum Verlassen dieses Streifens zu bewegen. Als neue Ordnungsmacht wurden hier Volkssturmeinheiten eingesetzt, die unter anderem dafür sorgen sollten, dass immer mehr Menschen die ohnehin überfüllten Luftschutzbunker aufsuchten. Die meisten Zivilisten zeigten aber auch ohne Druckmittel zunehmend Bereitschaft, ihre Wohnungen und Häuser zu verlassen, weil sie im Schussfeld der Artillerie lagen.

Ansonsten tat man so, als hätten die US-Truppen nicht längst das gegenüberliegende Rheinufer erreicht und es bei Remagen sogar bereits überschritten. Kurz vor Verlassen des Stadtzentrums hatte NSDAP-Kreisleiter Alfons Schaller das Ende der Verwaltung verkündet und die Beamten auf die rechte Rheinseite befehligt - eine Aufforderung, der sich allerdings viele der städtischen Beschäftigten entzogen. Bürgermeister Robert Brandes verließ am 4. März 1945 mit einigen Mitarbeitern durch einen unter dem Rhein zum anderen Ufer führenden Düker in Niehl das linksrheinische Köln und verwaltete das restliche Stadtgebiet danach vom Mauserhof in Köln-Brück aus unbeirrt weiter, bis er sich am 24. März absetzte.

Zitat

"Aufrecht und deutsch auch in Feindeshand. Die Kölner denken nicht daran, ihre nationalsozialistische Gesinnung zu verleugnen, sondern legen eine aufrechte, feindliche Haltung gegen die Besatzung an den Tag." (Westdeutscher Beobachter, 6.4.1945)

Zitat

"Der Feind sieht sich im Westen einer Situation gegenüber, die sich seiner Kontrolle entzieht. Eine Verlängerung der Operationen ist sinnlos ... Hitler ist besiegt. Jedoch geht er, wie alle anderen Napoleone, nicht unter, ohne bis zum letzten Atemzug zu kämpfen. Es bleibt nur abzuwarten, wie lange dieser Atemzug anhält oder ob die Deutschen bereit sind, dabei mitzumachen." (General Kenneth Strong im Feindlagebericht des Alliierten Oberkommandos, Ende März 1945)

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"Dann hieß es auf einmal: die Amerikaner kommen. Mein Vater sah die Panzer vom Garten aus, den wir an der Bahn hatten. Er lief zu uns hin, und da hieß es: Ab in den Keller. (…) Wir blieben im Bunker, bis der Amerikaner weiterzog. Meine Mutter ging dann zunächst alleine nach Hause, um zu sehen, was in der Wohnung los sei. Mein Vater blieb zusammen mit meinem älteren Bruder (11 Jahre alt), mit mir (9 Jahre) und mit den beiden Kleinen im Bunker. Als es hieß, wir könnten nachkommen, gingen wir in Richtung Volmeweg. Auf einmal schlug - ich hatte das nicht gespürt - ein Artilleriegeschoss neben mir ein. Das einzige, was ich hörte, war das Winseln, kein Weinen, meines Bruders. Das tat mir weh, der winselte richtig wie ein Tier. Wir lagen auf der Straße. Man Vater hatte das Geschoss gehört, ich nicht. Die Zwillinge wurden durch den Luftdruck auf die Erde geschleudert. Ich wurde unterhalb des rechten Auges getroffen, ein Splitter zerschlug das Jochbein, seit diesem Augenblick bin auf dem rechten Auge blind. Mein Bruder hatte drei Durchschüsse im linken Bein. (…) Das einzige Auto, das es in Höhenhaus gab, gehörte dem Metzger Clemens, Wupperplatz. Er hatte einen Polen als Fremdarbeiter, das war ein guter Mann. Dieser Pole erklärte sich bereit, uns unter eigener Lebensgefahr mit dem Tempo-Wagen des Metzgers Clemens ins Lazarett nach Dellbrück zu fahren. Die Deutschen schossen weiterhin in die Siedlung hinein. Der Krieg war für uns noch nicht zu Ende, das ging noch weiter. Ich kann mich erinnern, dass mein Vater mit einer weißen Fahne auf dem Dach des Wagens saß, und trotzdem schossen sie weiter. (…) Man sollte es nicht für möglich halten, das waren Deutsche." (Erinnerungen von Helga Kackert über die Lage in Köln-Höhenhaus im April 1945)

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Artikel aus dem Westdeutschen Beobachter, 9. März 1945 (NS-DOK)

In dieser von machtfreien Räumen, unklaren Verantwortlichkeiten, zusammenbrechenden Hierarchien und wachsender Panik vor der unausweichlichen Niederlage geprägten Lage spielte sich eine besondere Personengruppe in den Vordergrund: Es waren die bis dahin eher unbedeutenden, für den Bestand des Systems aber sehr wichtigen kleinen NS-Funktionäre, die sich vor Ort zu Herren über Leben und Tod aufschwangen. NSDAP-Ortsgruppenleiter und deren Gehilfen wurden so zu den letzten Repräsentanten einer untergehenden Welt.

Ob einige von ihnen tatsächlich noch geglaubt haben, den übermächtigen Feind aufhalten zu können, muss dahingestellt bleiben. Es hat jedoch den Anschein, dass sich ihre letzten Hoffnungen wohl tatsächlich an den durch den NS-Propagandaapparat unvermindert geschürten „Endsieg“-Phantasien orientierten, da es für sie daneben keinerlei Perspektive mehr gab. So war das oftmals blindwütige Morden Ausdruck letzter Zuckungen eines verbrecherischen Regimes, dem es selbst in der letzten Phase des Untergangs noch gelang, andere Menschen durch Befehle dazu zu bringen, skrupellos Verbrechen zu begehen.

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"Wie sieht heute die Wirklichkeit aus? Wohin man in den noch unbesetzten Teilen des Reiches blickt, überall das Massen-Elend, nur noch vergrößert durch die satanische Tätigkeit der Gestapo und der Standgerichte. Gott gebe, dass ihre Tage so schnell wie irgend möglich zu Ende gehen. Der Knall, mit dem nach einer Erklärung von Goebbels die Regierung, falls sie einmal zum Abtreten gezwungen sein sollte, die Tür hinter sich zuschlagen würde, erschüttert schon lange aus den Flinten der Mord-Kommandos der Gestapo die unglücklichen Opfer und derer, die es nach dem Wunsche von Himmler und Konsorten noch werden sollen. Aber es nützt Euch alles nichts mehr, ihr Henker Deutschlands. Es lebt ein Gott, zu strafen und zu rechten!" (Tagebucheintrag Wolfgang Michels, 14.4.1945)

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Eingang zum Zwangsarbeiterlager „Buschweg“ der IG-Farbenindustrie AG Leverkusen in Köln-Flittard, Februar 1945 (Landesarchiv Nordrhein-Westfalen Abt. Rheinland)

Die letzten fanatischen Verteidiger eines kurz vor dem Untergang stehenden Reiches sahen sich mit einer stetig wachsenden Gruppe von Menschen konfrontiert, die alles daran setzten, auch die letzten Tage des NS-Regimes noch zu überleben.

Die Kölner Industriebetriebe hatten nach den schweren Bombardements im Herbst 1944 ihre Produktion weitgehend eingestellt. Die bis dahin dort beschäftigten ausländischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter ließen sie größtenteils ohne Versorgung in Köln zurück, wo auch im Rechtsrheinischen spätestens nach dem 2. März 1945 jede Infrastruktur und damit auch die Versorgung mit Lebensmitteln und Kohlen zusammengebrochen war.

Wer noch Vorräte besaß, tat alles, um diese zu bewachen und vor Diebstahl zu schützen, während sich all jene, die wie die Zwangsarbeiter*innen auf keinerlei Rücklagen zurückgreifen konnten, die zum Überleben notwendigen Waren „organisieren“ mussten. Das konnte nur durch Plündern und Diebstahl geschehen, was zu einer zeittypischen Betriebsamkeit im rechtsrheinischen Köln führte, an der sich sowohl Deutsche – einschließlich Wehrmachtsangehörigen - als auch ausländische Arbeitskräfte beteiligten.

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Das Postamt in Köln-Deutz an der Deutz-Mülheimer-Straße vor 1939 (Rheinisches Bildarchiv)

Mit der Einstellung des Betriebs überließen die Leitungen er rechtsrheinischen Unternehmen den bei ihnen beschäftigten Zwangsarbeiter*innen ohne Unterkunft und Verpflegung ihrem Schicksal. Sie wurden daraufhin in der Flakkaserne Dellbrück zusammengepfercht, womit für sie nun eine noch härtere Zeit anbrach. Aus der permanenten Unterversorgung resultierten Hunger und Krankheiten, so dass die Internierten um ihr nacktes Überleben kämpfen mussten.

Das hatte zur Folge, dass immer wieder größere Gruppen aus dem schlecht bewachten Sammellager entwichen, um in der Umgebung Nahrungsmittel zu „organisieren“. Ein bevorzugtes Ziel waren dabei die Hallen des schwer beschädigten Feldpostamtes in Deutz, wo Tausende von Päckchen mit Lebensmitteln lagerten. Hier trafen plündernde Deutsche häufig auf aus Lagern entwichene Ausländer und jene, die aus anderen Gründen in den Untergrund abgetaucht waren. Viele von ihnen fanden in den Ruinen des Messegeländes, aber auch an anderen Orten der rechtsrheinischen Trümmerwüste einen Unterschlupf. Ihre Zahl wuchs derartig an, dass es die verbliebenen „Ordnungskräfte“ kaum mehr wagten, diese Schlupfwinkel zu durchsuchen, um die Untergetauchten festzunehmen.

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NSDAP-Gauleiter Josef Grohé (NS-DOK)

Zentrale Bedeutung kam hierbei dem Volkssturm zu. Als dessen regionale Kommandeure fungierten die NSDAP-Gauleiter in ihrer Eigenschaft als Reichsverteidigungskommissare. Das Volkssturmbataillon Köln unterstand daher Gauleiter Grohe, der sich „standesgemäß“ auf Schloss Bensberg zurückgezogen hatte. Ihm waren entsprechend der Parteihierarchie die Kreis- und Ortsgruppenleiter als militärische Führer der Volkssturm-Bataillone und Kompanien unterstellt, die insbesondere Sicherungsaufgaben in der „Kampfzone“ übernahmen. Für das stadtkölnische Gebiet hatte Grohé Kreisleiter Alfons Schaller mit dieser Aufgabe betraut, der sein Hauptquartier in den Radium-Gummiwerken in Dellbrück einrichtete.

Der wiederum baute auf ursprünglich in linksrheinischen Ortsgruppen aktiven „alten Kämpfern“, die er Anfang März 1945 mit über den Rhein brachte, wo sie in einigen Fällen die bisherigen Ortsgruppenleiter ablösten und zugleich führende Aufgaben in den örtlichen Volkssturmeinheiten übernahmen. Damit rückten sie in völlig neue Machtpositionen, wobei einige sicherlich hofften, hinter der Front „kriegsentscheidende“ Aufgaben zu verrichten.

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NSDAP-Kreisleiter Alfons Schaller (Historisches Archiv der Stadt Köln)

Zum „Kampfauftrag“ der diesen „kleinen Hitlers“ unterstellten Volkssturmeinheiten zählte es, die Lebensmittel- und Kraftstoffdepots vor Plünderungen zu schützen und Zwangsarbeiter*innen, die sich „herumtrieben“, festzunehmen, der Polizei zu übergeben oder ins Sammellager nach Dellbrück zu bringen. Daraus erwuchsen unter der Leitung der Ortsgruppenleiter regelrechte „Treibjagden“ auf herumstreifende Zwangsarbeiter*innen.

Hierin wurden sie offensichtlich durch ihren unmittelbaren Vorgesetzten Alfons Schaller bestärkt, der die Ortsgruppenleiter und Volkssturmführer mehrmals in der Woche zu sich nach Dellbrück bestellte. Dabei hielt der NSDAP-Kreisleiter, wie sich Teilnehmer später erinnerten, anfeuernde Reden, gab Durchhalteparolen aus und forderte härtestes Vorgehen gegenüber den „Ausländerbanden“.

Unter solchen Voraussetzungen verwundert es nicht, das es in den nachstehend geschilderten Fällen - bis auf eine Ausnahme - kein Gerichtsverfahren, ja nicht einmal eine Verhandlung vor einem pro forma zusammengestellten Standgericht gab.

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Deutz

Trümmern und zerstörte Häuser in der Grabengasse in Köln-Deutz (NS-DOK)

Im März 1945 hatten mehrere Dienststellen ihren Sitz im Luftschutzbunker in der Deutzer Helenenwallstraße. Neben dem 19. Polizeirevier waren hier auch die NSDAP-Ortsgruppe und der Gefechtsstand des Volkssturms für den „Kampfabschnitt“ Deutz untergebracht. Beide befehligte seit dem 23. März Georg Schwarz, der zuvor Leiter der NSDAP-Ortsgruppe „Leipziger Platz“ in Köln-Nippes gewesen war, bevor er auf Anregung von NSDAP-Kreisleiter Alfons Schaller unmittelbar vor Ankunft der US-Truppen gegen 10 Uhr am 6. März die Rheinseite wechselte.

Aber nicht nur Schwarz wurde in Deutz zum „Volkssturmbefehlsträger“, sondern mit Josef Dederichs und Wilhelm Derix zwei weitere NS-Funktionsträger aus dem linksrheinischen Nippes. Dieser Troika unterstanden rund 30 Volkssturmmänner - die meisten von ihnen zwischen 45 und 55 Jahre, einige aber auch erst zwischen 16 und 18 Jahre alt -, die nun vor allem das zur Kampfzone erklärte Gebiet zwischen dem Messegelände, den Bahndämmen und der Südbrücke überwachen sollten. Schwarz seinerseits war als „Abschnittsführer“ in Deutz unmittelbar Alfons Schaller verantwortlich, dem er täglich Meldung zu erstatten hatte.

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??? Dederichs (erkennungsdienstliches Foto), 19448 (The National Archives UK)

Mitte März 1945 nahm Josef Dederichs auf einem Streifengang am Deutzer Feldpostamt eine Gruppe von 20 bis 30 ukrainischen „Ostarbeitern“ fest. Dabei stelle sich heraus, dass sich darunter einige Männer befanden, die er bereits früher verhaftet und ins Sammellager Dellbrück hatte bringen lassen, wo sie wieder entwichen waren. Einer von ihnen, so wurde später berichtet, habe nach der Festnahme unmissverständlich zum Ausdruck gebracht, erneut zu fliehen, wenn er im Lager wieder nichts zu essen bekommen würde. „Wenn man uns nach Deutschland holt zum Arbeiten, soll man uns auch zum Fressen geben.“

Diese Aussage war gleichbedeutend mit seinem Todesurteil, denn Dederichs fühlte sich offenbar provoziert und soll erregt erklärt haben, dass der Festgenommene den Tod „verdiene“, wie er Plünderern auf Plakaten angedroht wurde. In der Folge drängte er seinen Vorgesetzten Schwarz dazu, die Erschießung des Ukrainers anzuordnen, was der nach eigener Aussage zunächst ablehnte, um durch dessen weitere Befragungen die Aufenthaltsorte weiterer Untergetauchter zu ermitteln. Auf weiteres Drängen soll Schwarz dann nachgegeben und geäußert haben: „Weg damit!“ oder „Weg mit ihm“.

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??? Derix (erkennungsdienstliches Foto), 1948 (The National Archives UK)

Mit der Ausführung der ohne jedes formale Verfahren angeordneten Exekution wurde Wilhelm Derix beauftragt, der das zunächst auch ohne Widerspruch zur Kenntnis nahm. Dann kamen ihm aber wohl Bedenken: „Wat soll ich den kapott scheeße, er hätt me nix jedonn“. Letztlich, so sagte Derix später aus, habe er sich nicht mehr „drücken“ können, sich jedoch fest vorgenommen, den Ukrainer bei geeigneter Gelegenheit entkommen zu lassen.

Dem Exekutionskommando gehörte neben Derix der ebenfalls aus Nippes stammende, zu diesem Zeitpunkt erst 16-jährige Josef Frank an. Weil er gewusst habe, so Derix‘ Erklärung nach 1945, dass der Jugendliche den Mann ohne Zögern erschießen würde, habe er versucht, ihn durch den Auftrag, etwas aus dem Bunker zu holen, abzulenken. Er habe den Zwangsarbeiter dann zur östlichen Ecke des Bunkers Helenenwall geführt und dort zum Schein einen Schuss in die Erde abgegeben, um ihm so die Flucht zu ermöglichen. Der Ukrainer sei tatsächlich losgelaufen. In diesem Augenblick sei dann aber Frank zu früh zurückgekehrt und habe dem Davonlaufenden, der in einen Bombentrichter gestolpert sei, aus kurzer Distanz in den Rücken geschossen und ihn tödlich getroffen.

Zitat

"Der Zeuge B. forderte sodann den Zeugen K., einem dem Polizeirevier zugeteilten-Polizeisanitäter in dessen Kabine auf, gemeinsam mit dem inzwischen verstorbenen Polizeibeamten Molling den Holländer zu erschießen. Auf die Weigerung des Zeugen K. und des Molling empfahl der Zeuge B. den beiden, die Entscheidung sich noch einmal zu überlegen. Der Zeuge K. und Molling blieben aber auch nach der erneuten Aufforderung des Zeugen B. bei ihrer Weigerung." (Urteil des Landgerichts Köln, 11.10.1950)

Zitat

"Er fiel, blieb an einem Baum hängen. Ich schoss zum zweiten Mal. Der Mann war tot. Wir deckten ihn mit Dachpappe zu. Später habe ich ihn [noch] in den Kopf geschossen." (Aussage Josef Frank im Gerichtsverfahren, 1953)

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Paul Bodhorn (erkennungsdienstliches Foto), 19448 (The National Archives UK)

Im Umfeld des Helenenbunkers wurde zwei oder drei Tage später ein weiterer Mord verübt. Nachdem Wehrmachtssoldaten einen Mann bei dem Versuch festgenommen hatten, auf Höhe der zerstörten Südbrücke schwimmend das Linksrheinische zu erreichen, übergaben sie ihn dem Polizeirevier 19, das auch im Bunker untergebracht war. Es handelte sich um einen 31jährigen niederländischen Zwangsarbeiter, der sich zu seiner Familie nach Nijmegen durchschlagen wollte. Weil er eine mit Linien und Kreuzen versehene Landkarte bei sich trug, galt der zunächst in einen Verschlag des Polizeireviers Inhaftierte schnell als Spion.

Daher versuchte der verantwortliche Polizeihauptmann Bodhorn offenbar zwei seiner Beamten dazu zu bewegen, den Niederländer zu erschießen. Die aber weigerten sich, der Aufforderung nachzukommen, ohne dass nachweisbare Konsequenzen für sie nach sich zog. Daraufhin übergab der Revierleiter den angeblichen Spion kurzerhand an Volkssturmführer Georg Schwarz – nach späteren Zeugenaussagen mit den Worten: „Von mir aus könnt ihr mit dem machen, was ihr wollt!“ Was das bedeutete, wurde schnell klar: Schwarz befahl auch in diesem Fall, den Festgenommenen umgehend zu erschießen.

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Luftaufnahme von Köln Deutz, April/Mai 1945. Der weiße Pfeil markiert den Bombentrichter mit der schwarzen Dachpappe. (Historisches Archiv der Stadt Köln)

Weil sein Adlatus Dederichs in diesem Fall dessen Ausführung ebenfalls verweigerte, wurde der Befehls an den 18-jährigen Hans Morher und den noch weitaus jüngeren Josef Frank delegiert: „Ihr beide müsst den Holländer erschießen!“ Als er sich, so erklärte Morher in der Nachkriegszeit, darauf berufen habe, dass sie beide noch zu jung für so etwas seien, habe Schwarz lediglich geantwortet: „Befehl ist Befehl!“. Dem habe Frank grinsend zugestimmt: „Das machen wir schon!“

Nach reichlich Alkoholgenuss holten die beiden Jugendlichen den bis heute namenlos gebliebenen Zwangsarbeiter aus seiner Zelle, und rauchten vor dem Bunker mit ihm gemeinsam noch eine Zigarette. Anschließend führten sie ihn unter Vorspiegelung falscher Tatsachen ein Stück vom Bunker weg und erschossen ihn kaltblütig am Rande eines Bombenkraters.

Als am Morgen nach der Tat der Deutzer Hans Ehrens von seinen Kindern auf den toten Mann aufmerksam gemacht wurde, bedeckte er die Leiche notdürftig mit Dachpappe und schaufelte etwas Erde darüber.

Zitat

"Wir zwei sind dann mit Dederich in das Zimmer nebenan gegangen, wo wir gegessen haben und man uns Wein zu trinken gab. Wir bekamen ziemlich viel zu trinken und waren am Ende ziemlich betrunken. (…) Ich sagte noch zu Dederich: ‚Das ist eine Lumperei, dass wir das alles machen müssen’, und er sagte, ich wäre Soldat, ich müsste das machen. Frank hat nichts gesagt, sondern nur gelacht und war anscheinend sehr bereit, die Erschießung auszuführen. Ungefähr um 19.30 Uhr hat Frank. den Holländer aus seiner Kabine geholt, und wir sind vor die Tür des Bunkers mit ihm gegangen. (…) Wir haben noch eine Zigarette geraucht, und der Holländer hat auch geraucht. Er fragte uns, wo es hinginge, und wir sagten ihm: ‚Nach dem Lager in Dellbrück’. (…) Der Holländer ging vor uns, und Frank sagte zu mir: ‚Wo machen wir das?’ Er wollte es vor dem Bunker machen, aber ich sagte ‚Nein’, und wir entschlossen uns, nach dem alten Mühlenweg zu gehen. (…) Als der Holländer ungefähr einen Meter vor dem Bombentrichter war, sagte Fr. zu mir: ‚Schieß’. Ich sagte: ‚Nein, ich schieße nicht, mach du das’. (…) Ich hatte inzwischen mein Gewehr schon durchgeladen, und als ich sah, dass der Holländer laufen wollte, habe ich auf ihn geschossen. Inzwischen hatte Frank mit seiner Pistole auch geschossen und der Holländer fiel stöhnend um. Ich habe dann gleich einen zweiten Schuss auf den Holländer abgegeben, als er schon am Boden lag. Dann hat Frank noch vier oder fünf Schüsse auf den liegenden Mann abgegeben. (…) Wir sind dann zurück in den Bunker gegangen und haben dem Ortsgruppenleiter Schwarz gemeldet: ‚Der Mann ist tot’. Er sagte nur: ‚Ist gut’, und wir verließen sein Büro." (Aussage Johann Morher, Frühjahr 1948)

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Hans Moher (The National Archives UK)

Beide hier geschilderten Morde wurden von Jugendlichen verübt, die von erwachsenen NS-Funktionären dazu genötigt wurden – ein für die Verbrechen der Kriegsendzeit durchaus typisches Muster. Wie die Biografien der beiden Täter zeigen, waren sie als Folge des Krieges sozial entwurzelt und längst verroht.

Der im Februar 1927 geborene Maurerlehrling Hans Morher sah sich gegen Kriegsende auf sich allein gestellt. Sein Vater war bei der Wehrmacht, seine Mutter Ende 1944 mit ihren vier Kindern nach Thüringen evakuiert worden. Anfang 1945 kehrte Hans allein nach Köln zurück, wo er zunächst zum Schanzeinsatz, im Februar dann zum Volkssturm einberufen und einem „Panzervernichtungstrupp“ an der Sieg zugewiesen wurde. Von hier desertierte er im März vor den US-Truppen und schlug sich nach Deutz durch, wo er im Bunker an der Helenenwallstraße Unterschlupf fand.

Durch seine Uniform fiel Morher dem Volkssturmfeldwebel Derix auf, der ihn zu seinem Vorgesetzten Schwarz führte. Der sah in dem jungen Mann eine willkommene personelle Verstärkung und befahl ihm, nunmehr in seinem Volkssturmkommando Dienst zu tun. Kurz darauf wurde der 18-Jährige zum Mörder.

Zitat

"Es ist auch verständlich, dass ein gerade erst 18 Jahre alter Junge, der seit seinem 13. Lebensjahr ausschließlich unter den ein jugendliches Gemüt verwildernden Eindrücken des totalen Krieges gestanden, eine geordnete Erziehung weder im Elternhaus, noch bei der Truppe erhalten hat, seit dem Juli 1944 unter der unausgesetzten Durchhaltepropaganda stand und erst vor einigen Wochen unter dem Druck der zusammenbrechenden Westfront ohne Ausbildung in die Uniform gesteckt worden war, um dann in seiner engsten Heimat dem Feind gegenüber zu stehen, dem durch äußersten Einsatz und bedingungslose Härte begegnet werden sollte, keine Bedenken gegen die Rechtmäßigkeit eines Erschießungsbefehls seines militärischen Vorgesetzten haben wird, der einem Spion galt." (Aus der Urteilsbegründung des Kölner Landgerichts, 11.10.1950)

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Josef Frank (The National Archives UK)

Der im April 1928 unehelich geborene Josef Frank stammte aus schwierigen Familienverhältnissen. Er hatte eine Lehre als Modellschreiner begonnen, ehe er im Sommer 1944 als Luftwaffenhelfer in einer Flakbatterie eingesetzt wurde, die Ende Februar 1945 die Rheinfähre Langel/Hitdorf sichern sollte. Kurz bevor die Einheit auf das rechte Rheinufer übersetzte, wurden die jugendlichen Luftwaffenhelfer entlassen.

Der 16-Jährige schlug sich zunächst nach Nippes durch, wo er sich vor einer leeren Wohnung wiederfand, weil sein Stiefvater mittlerweile dienstverpflichtet und seine Mutter in den Taunus evakuiert worden waren. Daraufhin beschloss er, sich als Freiwilliger zum Fronteinsatz zu melden, was jedoch daran scheiterte, dass er die zuständige Frontleitstelle nicht finden konnte.

Bei seiner Suche traf er auf den NSDAP-Zellenleiter Josef Dededrichs, der ihn als Angehörigen seines Volkssturmtrupps über den Rhein nach Deutz mitnahm. Hier nahm Josef Frank regelmäßig und freiwillig an den von Dededrichs durchgeführten Streifen teil, die der „Jagd“ auf Zwangsarbeiter dienten. Dabei glaubte er als jüngster Angehöriger des Volkssturms, dem „wichtige“ Aufgaben übertragen wurden, sich als „starker Mann“ gebärden zu müssen. So trug er stets eine Pistole am Koppel, die er jederzeit zu benutzen bereit war.

Zitat

"Der Zeuge Frank, am 4. April 1928 geboren, war im März 1945 ein Junge von nahezu 17 Jahren, dem eine entsetzliche Zeit eine Waffe in die Hand gegeben hat." (Aus der Urteilsbegründung des Kölner Landgerichts, 22.10.1954)

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HÖhenberg und Vingst

Die Burgstraße in Köln-Vingst, 17. Juni 1943 (NS-DOK)

Schon kurz nach Kriegsende gingen bei der Kölner Kriminalpolizei zahlreiche Anzeigen gegen insgesamt 17 Männer aus den Stadtteilen Vingst, Höhenberg, Gremberg und Kalk sowie der Humboldtkolonie ein. Darin wurden sie beschuldigt, in der Endphase des Krieges mehrere Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene misshandelt und getötet zu haben. Besonders häufig wurden die ehemaligen Ortsgruppenleiter Hans Labenz (Höhenberg) und Karl Dobrowolski (Vingst) als Täter genannt.

Das Szenario glich dem in Deutz in einigen Punkten bis ins Detail. Ausgangspunkt der Ereignisse war auch hier ein Hochbunker, nämlich jener in der Rothenburger Straße, der – wie der Helenenbunker – nicht nur dem örtlichen Polizeirevier und sogar dem ins Rechtsrheinische verlegten Polizeipräsidium Unterkunft bot, sondern auch dem Volkssturm als Befehlsstelle und „Gefechtsstand“ diente. Außerdem waren hier die Geschäftsstellen der NSDAP-Ortsgruppen Höhenberg und Vingst untergekommen, so dass sich die gesamte zu diesem Zeitpunkt noch existente öffentliche Macht an diesem Ort konzentrierte.

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Hans Labenz (erkennungsdienstliches Foto), 1948 (The National Archives UK)

Ebenfalls wie in Deutz war der Bunker an der Rothenburger Straße Ausgangspunkt regelmäßiger Streifen, die regelmäßig seitens der durch Polizeibeamte verstärkten Volkssturmeinheiten beider Ortsgruppen durchgeführt wurden, um Zwangsarbeiter*innen „aufzugreifen“.

Bei einer dieser Streifengänge wurde unter Führung des Höhenberger NSDAP-Ortsgruppenleiters Labenz um den 20. März drei 18 bis 20 Jahre alte russische Zwangsarbeiter festgenommen. Die späteren Darstellungen über die Umstände der Festnahmen gingen auseinander. Einige Zeugen behaupteten, man habe die Männer beim Plündern leerstehender Häuser ertappt, während andere wissen wollten, dass die Streife sie aus Kellerverstecken herausgezogen habe.

Während einer von ihnen direkt „auf der Flucht“ – richtig wohl durch einen Genickschuss – liquidiert wurde, brachte man die beiden anderen zum Bunker. Auch hier verweigerte sich die Polizei ihrer Verantwortung und übergab die beiden Festgenommenen dem von den Ortsgruppenleitern Labenz und Dobrowolski geführten Volkssturm.

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Johann Kramme (erkennungsdienstliches Foto), 1948 (The National Archives UK)

Es war in diesem Fall wohl Labenz, der die Initiative ergriff und mit einem knappen „Umlegen!“ die Ermordung der beiden Zwangsarbeiter anordnete. Dabei, so hieß es später, habe er zunächst sogar die Absicht gehabt, die beiden jungen Männer „zur Abschreckung“ direkt vor dem Bunker zu erhängen, weil das im ganzen Stadtteil schnell die Runde machen und somit der Abschreckung dienen würde. Das soll der im Bunker anwesende Polizeipräsident Hövel untersagt haben.

Nachdem Labenz dessen Vorschlag, die Festgenommenen der Wehrmacht zu übergeben, schlichtweg abgelehnt hatte, befahl er deren sofortige Erschießung, weil er als Ortsgruppenleiter „für Ruhe und Ordnung“ verantwortlich zeichne. Er bestimmte sechs Angehörige seiner Ortsgruppe zu Angehörigen des Exekutionskommandos, das die beiden jungen Männer daraufhin in der Nähe des Bunkers vor einem Bombentrichter in der Würzbuger Straße ohne jede vorherige Anhörung und ohne jeden Beistand hinrichtete. – Auch das war eine deutliche Parallele zu den Ereignissen in Deutz.

Die Gruppe kehrte laut Zeugenaussagen anschließend „laut lachend“ zum Bunker zurück, wo ihnen einige Polizeibeamte Vorhaltungen gemacht hätten, weil sie aussähen, also ob sie von einem Freudenfest kämen und nicht von der „Umlegung von Menschen“.

Zitat

"Ich stand an der Ecke Bamberger Straße/Miltenberger Straße und als der Zug an mir vorbeikam, hörte ich Labenz sagen: ‚Wie erschießen wir die am besten?‘ (…) Ich lief durch einige zerstörte Häuser und konnte die beiden Russen vor einem Bombentrichter in der Würzburger Straße stehen. Sie mussten die Hände über dem Kopf halten, und als sich der größere Russe noch umsehen wollte, rief Labenz: ‚Du Hund, drehst Du Dich wohl noch rum?‘ und schoss den Russen mit einer vollen Garbe schräg von unten nach oben in den Rücken. Dann erschoss er den zweiten Russen. (…) Die Russen wurden im Trichter unbedeckt liegen gelassen. (…) Die Leichen wurden nach ungefähr 14 Tagen von Franzosen mit Erde bedeckt." (Aussage Christine Breuer vor der britischen „Field Investigation Section“, 12.12.1947)

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Zitat

"Wir brachten sie dann zu dem Bunker, wo Polizeioberleutnant Schmitz in den Bunker ging. Er kam wieder heraus und teilte mir mit, dass die beiden Gefangenen mir überlassen wären. Er sagte: ‚Macht damit, was ihr wollt. Da ich von der Kreisleitung Richtlinien erhalten hatte, wie mit Plünderern zu verfahren sei, erteilte ich den Befehl zur Erschießung. Außerdem waren überall Plakate mit der Aufschrift in mehreren Sprachen: ‚Wer plündert, wird sofort erschossen!‘ (…) Bei der Erschießung waren weder ein Arzt noch ein Geistlicher noch ein Gerichtsbeamter zugegen. Bei den beiden Russen, die erschossen wurden, waren keine Waffen vorgefunden worden." (Aussage Johann Labens vor der britischen „Field Investigation Section“, 7.1.1948)

Zitat

"Die Ukrainer wurden dann von Mitgliedern der Ortsgruppe abgeführt hinter den Bunker. Sie wurden vor einem Bombentrichter aufgestellt und wurden von einem Erschießungskommando der Ortsgruppe Höhenberg erschossen. (…) Die Gefangenen mussten sich mit dem Rücken zu uns stellen, Labens gab den Feuerbefehl und daraufhin schossen wir. Wir hatten alle MPs. (…) Nach der Erschießung sagte einer, dass einer von den Ukrainern noch nicht ganz tot wäre. Wulf sprang in den Trichter und gab noch einen Schuss ab. Die Leichen wurden am anderen Morgen von Franzosen eingegraben." (Aussage Johann Kramme vor der britischen „Field Investigation Section“, 7.1.1948)

Im Rechtsrheinischen | HÖhenberg und Vingst

Karl Dobrowolski (erkennungsdienstliches Foto), 1948 (The National Archives UK)

Dass es sich bei diesem Beispiel lediglich um einen Fall unter vielen vergleichbaren handelte, in denen Zwangsarbeiter in der Schlussphase des Krieges in Höhenberg und Vingst umgebracht wurden, zeigt allein die Liste konkreter Vorwürfe, die nach Kriegsende gegen Ortsgruppenleiter Karl Dobrowolski erhoben wurden. Er wurde angezeigt, im November 1944 drei Russen am Bunker an der Rothenburger Straße und Ende 1944/Anfang 1945 etwa 40 bis 50 Zwangsarbeiter an einem Bahndamm erschossen zu haben. Außerdem soll er Ende 1944 die Erschießung eines Ausländers - vermutlich eines Franzosen - befohlen und mehrfach weitere ausländische Arbeiter brutal misshandelt haben. Weitere Verbrechen in den letzten Wochen des Krieges, an denen der Vingster Ortsgruppenleiter ebenfalls beteiligt war, blieben dabei unerwähnt.

Keiner dieser massiven Vorwürfe gegen Dobrowolski wurde jemals im Rahmen von Gerichtsverfahren geklärt - ein trauriges Kapitel der Nachkriegszeit, auf das an anderer Stelle noch ausführlicher eingegangen wird.

Zitat

"In 1944/45 war ich von der Friedhofsverwaltung der Stadt Köln für das Leichenfuhrwesen rechtsrheinisch eingesetzt. Ich erinnere mich, dass ich entweder im Februar oder März 1945 von Kalker Friedhof den Auftrag erhielt, drei Leichen vom Bunker in Vingst abzuholen. Als ich beim Bunker ankam, waren die drei Leichen in einem Schuppen dicht am Bunker untergebracht. Es wurde mir gesagt, dass es sich um drei Russen handelte. Sie sollen angeblich auf dem Bahnhof Kalk-Nord geplündert haben und wurden zum Bunker gebracht. Sie sind dann in einem Bombentrichter am Bunker erschossen worden." (Aussage Josef Mittler vor der britischen „Field Investigation Section“, 23.1.1948)

Zitat

"Im November 1944 war ich im Bunker in Höhenberg im Einsatz und musste Tote bergen. (…) Auf dem freien Platz zwischen dem Bunker und der Fabrik Zehnpfennig war ein Menschenauflauf und ich ging hin, um nachzusehen, was los war. Ich hörte die Schüsse von einer Maschinenpistole und sah Dobrowolski mit einer MP vor einem Russen stehen, der tot auf der Erde lag. Zwei Russen standen noch daneben und Dobrowolski warnte sie, nicht wegzulaufen. Die Russen versuchten zu fliehen und wurden von Dobrowolski erschossen. Die Toten wurden in einem Trichter vergraben. Zwei in einem nicht weit entfernt vom Bunker und der dritte in einem Bombentrichter gegenüber der Fabrik." (Aussage Heinrich Wirtz vor der britischen „Field Investigation Section“, 21.1.1948)

Zitat

"Eines Tages stand ich vor dem Bunker Rothenburger Straße. Es war gerade Großalarm. (Da kamen zwei SA-Leute und hatten einen Ausländer bei sich. Ich glaube, es war ein Franzose. (…) Er hatte eine kleine Schachtel bei sich. Hinter mir rief jemand, was der Mann getan hätte, und die SA-Leute erwiderten, dass er gestohlen hätte. (…) Der junge Ausländer sagte, dass er nicht gestohlen hätte und machte mit der Hand eine Geste, als ob er andeuten wollte, dass er das Päckchen gefunden hatte. (…) Ortsgruppenleiter Dobrowolski kam aus dem Bunker mit einer MP bewaffnet. (…) Er fragte: ‚Was ist mit dem da?‘ Es wurde ihm gesagt, dass der Ausländer gestohlen hatte. Als Beweis dafür musste der Ausländer das Päckchen zeigen, welches leer war. Dobrowolski sagte: ‚Gestohlen, und der lebt noch? Ab mit ihm!‘ Die beiden SA-Leute und die Bahnpolizisten gingen mit dem Mann die Rothenburger Straße hinauf Richtung Benno-Platz. Ich hörte kurz darauf zwei Schüsse." (Aussage Kornelius van Tilburg vor der britischen „Field Investigation Section“, 23.1.1948)

Im Rechtsrheinischen

Zwangsarbeiterlager „Gremberger WÄldchen“

Luftbild mit dem Krankensammellager für Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter im Gremberger Wäldchen, vor dem 8. April 1945 (Historisches Archiv der Stadt Köln/ National Archives and Records Administration, Washington D.C.)

An der Baustelle der Autobahn Köln-Frankfurt im Gremberger Wäldchen wurde ein Barackenlager des Reichsarbeitsdienstes errichtet, das auch nach Fertigstellung der Straße Ende 1937 zunächst weiterhin vom RAD genutzt wurde. Im Laufe des Krieges ging das Lager dann in die Verantwortung der Deutschen Arbeitsfront über und diente spätestens seit dem Frühjahr 1943 als Krankenlager für Zwangsarbeiter*innen, die von Firmen aus dem gesamten Rheinland hierin eingewiesen wurden. Die Einrichtung, in der rund 150 Arbeitskräfte aus der Sowjetunion und Frankreich untergebracht war, verfügte zudem über eine eigene Entbindungsstation.

Im Laufe der Zeit kam es zur Aufteilung in ein „hinteres“ und ein „vorderes“ Lager, die deutlich voneinander getrennt waren. Während im vorderen Teil offenbar die weitgehend Gesundeten untergebracht waren, die bei Bauern in der unmittelbaren Umgebung eingesetzt wurden, waren die hinteren Baracken für schwerstkranke und aufgrund einer Tuberkulose- und Typhus-Erkrankung zumeist hochansteckenden Insassen bestimmt. Es ist davon auszugehen, dass sie nicht etwa in ihre Heimatländer zurückgebracht wurden, sondern dass die meisten Kranken im Lager aufgrund fehlender Pflege und chronischer Unterversorgung starben.

Graphic Novel

Zitat

"Das Essen wurde den Tuberkulosekranken durch den Drahtzaun gereicht, sie nahmen es selbst und aßen da. Sie starben und man stapelte sie auf einen Haufen. Und die Ratten benagten sie, es blieben nur die Knochen übrig. (…) Die Toten wurden auch hier aufeinandergelegt. Es war einfach unheimlich, an diesen Drahtzaun näher heranzutreten." (Erinnerungen von Lidija Kiwwa an ihre Zeit im Lager „Gremberger Wäldchen“, 14.9.2001)

Im Rechtsrheinischen | Zwangsarbeiterlager „Gremberger WÄldchen“

„Arbeitskarte“ und Sterbeurkunde der im Juni 1943 im Lager Gremberg verstorbenen Haline Kaminska, 1943 (NS-DOK)

Viele starben bereits wenige Tage nach ihrem Eintreffen. So wurden allein für den Zeitraum von März bis Juli 1943 52 tote Russinnen und Russen registriert. Eine weitere Quelle belegt, dass allein in den Monaten März und April 1944 weitere 48 russische Arbeiter*innen gestorben sind. Wie viele Menschen im Gremberger Lager letztlich insgesamt ums Leben kamen, lässt sich nur grob schätzen. Es muss davon ausgegangen werden, dass dort zwischen März 1943 und April 1945 mindestens 250 bis 300 Zwangsarbeiter*innen ermordet wurden, die von auswärts hierhin geschickt worden waren. Rechnet man noch jene hinzu, die von Kölner Firmen ins Gremberger Wäldchen verlegt wurden, muss die Zahl der Toten wohl noch einmal verdoppelt werden.

Trotz dieses Schreckensszenarios diente das Lager vielen untergetauchten Zwangsarbeiter*innen in den letzten Wochen des Krieges offensichtlich als Zufluchtsstätte. Weil im „hinteren“ Abschnitt hochgradig ansteckende Kranke lagen, wurde dieser Teil des Lagers vom deutschen Wachpersonal möglichst gemieden. So konnten sich Geflohene unter dem Zaun durchgraben und hier relativ unbehelligt aufhalten – bis das Lager dann auf erschreckend brutale Weise aufgelöst und vernichtet wurde.

Im Rechtsrheinischen | Zwangsarbeiterlager „Gremberger WÄldchen“

Zwei Luftaufnahmen des Lagers „Gremberger Wäldchen“, 21. März und 11. März 1945 (Historisches Archiv der Stadt Köln/ National Archives and Records Administration, Washington D.C.)

Am Samstag, den 7. April, machte unter den Volkssturm-Verantwortlichen im Rechtsrheinischen die Nachricht die Runde, dass von Kreisleiter Schaller für den folgenden Tag „eine Aktion gegen das Krankenlager im Gremberger Wäldchen“ angeordnet worden war. Ausgeführt werden sollte sie von Verantwortlich der Ortsgruppe Humboldtkolonie, in deren Einzugsbereich das Lager lag. Sie sollten bei der Räumung von den Ortsgruppen Poll und Deutz unterstützt werden. Vom Deutzer Ortsgruppenleiter Georg Schwarz wurden hierzu sein Vertrauter Johann Dederichs und die beiden Jugendlichen Hans Morher und Josef Frank abgeordnet.

Am frühen Sonntagmorgen umstellte das Kommando zunächst das Lager. Daraufhin drangen einige der Volkssturmmänner – unter ihnen auch die drei aus Deutz abgeordneten – dort ein, zerschlugen Schreiben der Baracken und schossen blindwütig in deren Inneres, um so die Insassen des vorderen Lagerabschnitts schnellstmöglich vor das Tor zu treiben, wo sie Aufstellung nahmen, um in Richtung Norden abzumarschieren. Kaum war das geschehen, fuhr ein mit Stroh beladener Wagen in das Lager, wo es in den Baracken unter den Betten verteilt wurde, in denen transportunfähige Kranke lagen. Unmittelbar danach wurde das Stroh angezündet.

Zitat

"Die ersten Baracken wurden dann angesteckt, nachdem Stroh hineingetragen worden war. Als ich an dem Anzünden beteiligt war, kam ‚Hans‘, ein Junge in ungefähr meinem Alter, zu mir und sagte, dass ich mit ihm kommen sollte, da er einige Leute gefunden hatte, die nicht aus dem Lager wollten. (…) Ich konnte sehen wie ‚Hans‘ zwei Lagerinsassen mit seinem Karabiner im vorderen Lager erschoss. Ich wurde dann ins zweite Lager gerufen, wo ich zu einer Baracke musste, in der angeblich noch Patienten lagen. (…) Ich schoss einige Male durch die Tür in die Decke. (…) Ich ging dann weg, weil ich Angst hatte, von einer Krankheit angesteckt zu werden. Im vorderen Lager begegnete mir ‚Hans‘ einige Minuten später und erzählte mir, dass er die betreffende Baracke in Brand gesetzt hatte. Er wäre hinein gegangen und hätte noch Stroh unter die Betten getan. Es wurde mir später noch erzählt, dass in der Baracke eine Frau noch auf einem Bett gelegen hätte, die geschrien hat, dass sie erschossen werden wollte, als die Baracke schon brannte. (…) Als ‘Hans’ bei mir stand, bemerkte ich, dass einer von den vier Mann, die auf der Erde lagen, aufstand. Er stützte sich auf einen Besen. Ich erschrak und sagte Hans, dass der eine noch lebe. Daraufhin schoss ‚Hans’ mehrere Male auf diesen Mann, der tot zusammenbrach. Ich kann mich an diesen Ausländer noch gut erinnern. Er hatte von ‚Hans’ einen Schuss erhalten, der seine Schädeldecke spaltete. Wir hörten plötzlich eine Frau aus einem Bunker schreien. ‚Hans’ zog eine Handgranate heraus und schmiss sie in einen Eingang mit der Bemerkung, dass ‚da schnell geholfen wäre’." (Aussage des Volksturmmanns Willy Rosenbach vor der britischen „Field Investigation Section, 23.3.1948)

Zitat

"Kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner gab mir Dederichss den Auftrag, zusammen mit Frank und ihm zu einer Aktion gegen das Ausländerlager im Gremberger Wäldchen teilzunehmen. (…) Ich stand zusammen mit einem Mann von Poll beim Lagereingang, während Dederichs, Frank, der Mann von der Gaustelle und sein Diener ins Lager gingen. Wir hörten dann Schießen und Rufen, und die Insassen kamen aus dem Lager. (…) Ich war die ganze Zeit vor dem Lager, bis Dederichs zu uns kam und sagte, dass das Lager in Brand gesteckt werden müsste. Wir gingen dann ins Lager und steckten die Baracken im vorderen Lager in Brand. Als die Baracken brannten, habe ich mehrere Male auf Dederichs geschossen, weil ich Wut hatte, dass er die Leute so angetrieben hat bei der Durchsuchung. (…) Ich bin nicht in das hintere Lager gegangen, da ich vor einer Ansteckung Angst hatte. Die Baracken hinten wurden von Frank und dem Diener vom Gaubeamten angesteckt." (Aussage des Volksturmmanns Eugen Nauerz vor der britischen „Field Investigation Section, 5.3.1948)

Zitat

"Drei oder vier Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner machte ich Wachdienst zusammen mit Rosenbach auf der Straße gegenüber dem Krankenlager im Gremberger Wäldchen. Um ungefähr 9 Uhr morgens kam plötzlich ein Mann in Parteiuniform zu uns und sagte uns, dass das Lager ausgesäubert würde. Er erzählte uns, dass das ganze Wäldchen umstellt sei und die Lagerinsassen zusammengetrieben würden. Kurz darauf wurde von allen Seiten mit allen Feuerwaffen, Maschinenpistolen, Gewehren usw. geschossen. Ich konnte sehen, wie Männer in Parteiuniformen und auch einige in Wehrmachtsuniformen ins Lager eindrangen. Ich beobachtete sie, wie sie die Fenster der ersten Baracke zerschlugen und blind hineinschossen. Dann kam ein Pferdefuhrwerk an, das mit Stroh und Kannen geladen war. Dieses Stroh wurde in die Baracken getragen und dann angezündet. Rosenbach hat sich von Anfang an an der Aktion aktiv beteiligt, und als er zurückkam, hatte er seine Munition verbraucht. Er erzählte mir, dass in dem Krankenlager Stroh unter die Betten gelegt wurde, wo noch Patienten lagen. Es wurde einfach angesteckt, und er sagte, dass die Leute verbrannt wären." (Aussage des Volksturmmanns Eugen Nauerz vor der britischen „Field Investigation Section, 5.3.1948)

Im Rechtsrheinischen | Zwangsarbeiterlager „Gremberger WÄldchen“

US-Truppen marschieren durch Gärten in Köln-Mülheim,14. April 1945 (Koelnprogramm)

Beim ungezügelten Morden taten sich auch in diesem Fall wieder die durch das Kriegsgeschehen entwurzelten und verrohten Jugendlichen ganz besonders hervor. Neben dem 18-jährigen Hans Morher und dem vier Tage zuvor 17 Jahre alt gewordenen Josef Frank beteiligte sich der Ende Juni 1928 geborene, also noch 16-jährige Willy Rosenbach aktiv am Töten. Die drei Jungen standen – diesen Eindruck erwecken zumindest die verfügbaren Quellen – in deutlicher Abhängigkeit der ihnen unmittelbar vorgesetzten Erwachsenen, deren Anordnungen sie ohne jedes Zögern in die Tat umsetzten.

Die Zahl der bei der Räumung ermordeten Lagerinsassen lässt sich nicht mehr genau bestimmen. Der Bestatter Josef Mittler holte am folgenden Tag die Leichen von sechs erschossenen und neun verbrannten Menschen aus dem völlig niedergebrannten Lager ab. Laut dem Bericht der Deutzer Ortsgruppe an Alfons Schaller sollen bei der Mordaktion nach Auskunft des unmittelbar beteiligten Johann Dederichs „ungefähr 35 Mann“ ums Leben gekommen sein.

Zitat

"Ich erinnere mich an die Niederbrennung des Ausländer-Krankenlagers im Gremberger Wäldchen. Ich machte Volkssturm-Wachdienst in der Humboldt-Kolonie und zwar gegenüber dem Lager. An dem betreffenden Tage wurde ich von Nauerz und dem Hitlerjungen, der immer bei ihm war – ich glaube er hieß Rosenbaum – abgelöst. Als ich mittags wieder auf meinen Posten kam, war das Lager vollständig abgebrannt. Ich ging in das Lager und sah ungefähr 5 bis 6 erschossene Leichen. In den abgebrannten Baracken konnte ich noch ungefähr 20 verkohlte Skelette sehen, die noch bei ihren Betten lagen. Bei der Ablösung brüstete sich Rosenbaum mir gegenüber, dass er selbst 7 bis 8 Mann umgelegt hätte." (Erinnerungen von Sergej Stepanow an die Evakuierung des Lagers „Gremberger Wäldchen“, 20.9.1989)

Zitat

"Und am 4. April um fünf Uhr morgens kamen auf zwei LKWs Männer, umstellten das Lager. Ich wachte von Schüssen auf. Sie fingen an zu schießen, kamen ans Fenster, machten es auf und schossen. Dann gingen sie an das andere Fenster. Ich und mein Freund versteckten uns unter dem Tisch, der vor dem Fenster stand. Da wir hörten, dass zuerst die Scheiben eingeschlagen wurden und dann das Schießen anfing, verstanden wir, dass sie durch die Fenster schossen. Danach versuchten wir aus dieser Baracke herauszukommen. Als er vorbeiging und weiter schoss, musste man aus der Stube springen. (…) Ich dachte, dass dies der letzte Tag in meinem Leben sei. (…) In dieser Baracke gab es einen Korridor, an dessen einem Ende die Tür und am anderen Ende ein Fenster war, durch das man den ganzen Korridor überblicken konnte. An diesem Fenster stand ein Mann und schoss auf jeden, der aus dem Zimmer heraussprang. (…) Wir wurden in Reih und Glied aufgestellt und aus Gremberg auf der Straße nach Bergisch Gladbach abgeführt. Als man uns aus dem Lager herausgeführt hatte, blieben dort fünf gesunde Männer, denen wurde befohlen, die Leichen in einer Baracke zusammenzutragen. Es könnte sein, dass darunter noch Lebende waren, die nicht mehr aufstehen konnten. Wir gingen etwa 400 Meter weiter, dann ließen die Wachmänner uns hinsetzen, und wir mussten auf die Rückkehr der fünf warten. Als sie zurückkamen, erzählten sie, dass sie die Verletzten in eine Baracke gebracht hätten und dann diese Baracke mit Benzin übergossen hatten. (…) Ich verstehe es so, dass man die Spuren dieses Verbrechens verbrannte." (Erinnerungen von Sergej Stepanow an die Evakuierung des Lagers „Gremberger Wäldchen“, 20.9.1989)

Im Rechtsrheinischen

Fahndung und Ahndung

Ein in Gefangenschaft geratener Funktionär der Kölner NSDAP wird abgeführt, 6. März 1945. (NS-DOK)

Zumindest im Rückblick erscheint es erstaunlich, dass nur wenige der hier geschilderten Taten in der Nachkriegszeit geahndet wurden, wobei das Strafmaß für die Täter dann sehr niedrig ausfiel.

Zunächst lag die Verantwortung für Ermittlungen und Gerichtsverfahren bei der Besatzungsmacht, die im Rheinland Mitte 1945 von den Amerikanern auf die Briten überging. Obwohl ja bereits im Laufe des Jahres 1945 hinsichtlich der im Frühjahr im rechtsrheinischen Köln verübten Morde schwere Vorwürfe gegen einige der Täter erhoben worden waren, stand zunächst die Bewältigung von Alltagsproblemen im Fokus der Arbeit der Militärregierung. Es dauerte bis Ende 1947, bis deren „Field Investigation Section“ Ermittlungen in den hier dargestellten Fällen aufnahm, potenzielle Täter verhaftete, internierte und verhörte. Jene Männer, gegen die ein hinreichender Tatverdacht vorlag, wurden am 23. Juli 1948 dem Alliierten Gerichtshof der Kontrollkommission in Köln vorgeführt. Die einzige bislang nachweisbare konkrete Verhandlung vor einem alliierten Gericht fand dort dann offenbar im Herbst 1948. Einer knappen Notiz Zeitungsnotiz war zu entnehmen, dass Christian Müller und Johann Morher wegen „Verbrechens gegen die Menschlichkeit“ zum Tode verurteilt worden waren.

Die Todesurteile wurden jedoch nie vollstreckt, ohne dass bislang Gründe für deren Aufhebung bekannt wären. Da die Morde im Zwangsarbeiterlager „Gremberger Wäldchen“ später nicht mehr vor deutschen Gerichten verhandelt wurden, ist davon auszugehen, dass sie völlig ungesühnt blieben – obwohl die Täter bekannt waren und sie ihre Taten zumindest in Teilen eingestanden hatten. Diese Untätigkeit ist kaum nachvollziehbar und wohl doch zeittypisch.

Ähnlich liegen die Dinge im Fall Höhenberg/Vingst. Obwohl die Briten intensiv ermittelt hatten und Ortsgruppenleiter Hans Labenz – allerdings noch immer fest davon überzeugt, nichts Unrechtes getan zu haben! - seine Tat unumwunden zugegeben hatte, wurde gegen ihn offenbar nie Anklage erhoben. Möglicherweise ist er bereits 1948 oder 1949 verstorben. Aber auch die übrigen an den Morden in der Würzburger Straße Beteiligten blieben von deutschen Gerichten völlig unbehelligt.

Das galt im Übrigen auch für den Vingster Ortsgruppenleiter Karl Dobrowolski, der in den letzten Monaten des Krieges in seinem „Herrschaftsbereich“ offenbar ganz besonders grausam gewütet hatte und nach Kriegsende mehrfach angezeigt worden war.

Von den drei Fällen, deren Akten die Briten am 15. Juli 1949 dem Kölner Generalstaatsanwalt mit der Aufforderung übergab, weitere Schritte zu unternehmen, wurden einzig die Vorgänge in Deutz seit September 1949 weiterverfolgt. Im Oktober 1950 wurde gegen Georg Schwarz, Wilhelm Derix und Hans Morher vor dem Kölner Landgericht wegen gemeinschaftlichen Totschlags verhandelt, während der ebenfalls stark belastete Josef Dederichs völlig unbehelligt blieb und lediglich als Zeuge vernommen wurde. Dass er im Zuge der Verhandlung einen der Briten, der ihn 1948 verhört hatte, als „Judenbengel“ beschimpfte, ließ das Gericht ungesühnt, weil er „in verständlicher Erregung gesprochen habe“.

Auch der Staatsanwalt brachte den Angeklagten Verständnis entgegen. Man müsse, so erklärte er, bei der Strafzumessung die „Zeitumstände“ berücksichtigen. Die Angeklagten hätten lediglich versucht, für „Ordnung“ zu sorgen und die Bevölkerung vor Plünderungen zu bewahren, weshalb er ihnen „mildernde Umstände“ zuzustehen bereit war. Dass die zahlreichen deutschen Plünderer dann genauso rigoros hätten bestraft werden müssen, war dem Anklagevertreter kein Wort wert. Schwarz und Derrix wurden statt zu Zuchthaus- lediglich zu Gefängnisstrafen verurteilt, Morher sogar freigesprochen.

Gegen dieses Urteil legten die Verurteilten Einspruch ein, dem im Oktober 1952 in Teilen stattgegeben wurde. Daraufhin kam es im Frühjahr 1953 zu einer neuerlichen Verhandlung. Mehrere Zeugen bescheinigten Derrix nunmehr eine „anständige“, ja sogar „ritterliche“ Einstellung. Plötzlich glaubte ihm das Gericht auch, dass er den Befehl zur Erschießung des Ukrainers nicht habe ausführen, sondern ihm zur Flucht habe verhelfen wollen. Ein Vorsatz sei jedenfalls nicht zweifelsfrei feststellbar, weshalb Derrix mangels Beweisen freigesprochen wurde, während die Verurteilung von Georg Schwarz zu drei Jahren Haft bestätigt wurde.

Der legte dagegen erneut Berufung ein, der vom Bundesgerichtshof stattgegeben wurde, was im Herbst 1954 zu einer weiteren Verhandlung führte. In deren Verlauf schlug dem ehemaligen Ortsgruppenleiter laut Presseberichterstattung im Gerichtssaal nicht nur große Sympathie entgegen, sondern man traute ihm nunmehr wegen positiver „Charaktereigenschaften“ den Erschießungsbefehl gegen den ukrainischen Zwangsarbeiter nicht mehr zu. Plötzlich hielt man es aber für möglich, dass der freigesprochene Derrix die treibende Kraft gewesen sein könnte. Auf Antrag des Staatsanwalts wurde Schwarz daher „in dubio pro reo“ freigesprochen.

Derart ermutigt strebte er nun auch hinsichtlich der Ermordung des niederländischen Zwangsarbeiters seine vollständige Rehabilitierung an. Tatsächlich fand am 20. April 1956 – wiederum vor dem Kölner Schwurgericht – eine neuerliche Verhandlung in dieser Angelegenheit statt. Obwohl das Gericht wusste, dass allein Schwarz als Volkssturmführer zur Erteilung solcher Befehle berechtigt war, fehlte ihm der „sichere Beweis“ dafür, dass Schwarz die Hinrichtung des Niederländers angeordnet habe.

Als wichtigster Entlastungszeuge trat ausgerechnet Hans Morher auf, der seine mehrfach bestätigte frühere Aussage zurücknahm und plötzlich behauptete, nicht Schwarz, sondern wiederum der bereits freigesprochene Derrix habe ihm den besagten Befehl erteilt. Das Gericht kam in Übereinstimmung mit der Staatsanwaltschaft zu dem Ergebnis, dass nach elf Jahren „das Dunkel über dem Tode des Holländers (…) im Zeichen immer mehr abbröckelnder Zeugenaussagen“ nicht mehr zu lichten und Georg Schwarz daher „wegen Mangels an Beweisen“ auch von diesem letzten verbliebenen Vorwurf freizusprechen sei.

Letztlich wurde keines der in Deutz, Höhenberg, Vingst und im Gremberger Wäldchen verübten Verbrechen gesühnt. Man verzichtete auf die Eröffnung von Verfahren, und das einzige, das tatsächlich durchgeführt wurde, endete letztlich mit Freisprüchen.

Auch die übrigen Taten zogen keinerlei ernsthafte Konsequenzen nach sich. Georg Schwarz war zwar von April 1946 bis Oktober 1948 interniert, wurde in seinem Entnazifizierungsverfahren in Gruppe III eingestuft, mit einer geringen Geldbuße bestraft und in den Rang eines Inspektors in der Kölner Stadtverwaltung degradiert. Als er 1949 pensioniert wurde, zahlte ihm die Stadt Köln aber wie selbstverständlich seine Rente. Wilhelm Derix wurde nach 1½-jähriger Internierungshaft Anfang 1948 entnazifiziert, in die Kategorie V der Unbelasteten eingestuft und anschließend als Motorschlosser bei der Straßenbahnverwaltung der Stadt Köln eingestellt.

Alle übrigen Täter blieben nach heutigem Quellenstand ohne jede Sanktionen. Auch Josef Frank, der sowohl in Deutz als auch im Gremberger Wäldchen durch seine ungezügelte Brutalität aufgefallen war, blieb, nachdem er zunächst abgetaucht und erst 1954 wieder nach Köln zurückgekehrt war, straffrei. Ein gegen ihn angestrengtes Verfahren wurde 1954 aufgrund der Bestimmungen des Straffreiheitsgesetzes eingestellt.

Kapitel 6: Abrechnung mit der Vergangenheit?

Zitat

"Die Einlassung des Angeklagten [Schwarz] verdient keinen Glauben. Sein Versuch die Verantwortung für die Erschießung des Ukrainers abzuwälzen, ist vergeblich. (…) Das Gericht hält es für erwiesen, dass er den Befehl zur Erschießung der beiden Ausländer gegeben hat." (Aus dem Urteil des Landgerichts Köln, 11.10.1950)

Zitat

"Das Persönlichkeitsbild aus diesen glaubwürdigen, teils übereinstimmenden, teils sich ergänzenden eidlichen Angaben mit vielen Zügen spricht dagegen, dass dem Angeklagten die zur Last gelegte Tat nach Persönlichkeit, nach Charaktereigenschaften, Fehlern und Schwächen auch zuzutrauen ist. (…) Der Angeklagte hat zwar als ehemaliger Berufssoldat, als Beamter des gehobenen Dienstes und als Ortsgruppenleiter reiche Lebenserfahrung gesammelt. Er wurde jedoch aus dem zivilen Leben eines Bürgers über Nacht in den Bereich soldatischer Kampfaufgaben gestürzt, und zwar in dem Augenblick höchster Gefahr als die engere Heimat nach dem Zusammenbruch der Westfront dem Gegner preisgegeben werden musste. Unter diesen Umständen könnte bei dem jetzt festgestellten Sachverhalt dem Angeklagten im Falle der Erteilung des Befehls zur Erschießung des Ukrainers auf die entsprechende Verteidigung zumindest nicht mit der erforderlichen Sicherheit widerlegt werden, dass er als Unterführer im Vertrauen auf die Rechtmäßigkeit der von oben im Einvernehmen mit der Wehrmacht gekommenen und erläuterten Befehle einem unverschuldeten Irrtum zum Opfer gefallen sei und sich als Volkssturmbefehlsträger in vorderster Linie für berechtigt gehalten habe, zum Schutze des Vaterlandes, der Wehrmacht und seiner eigenen Leute die Erschießung befehlen zu dürfen." (Aus dem Urteil des Schwurgerichts des Landgerichts Köln, 22.10.1954)

Presseschau 1950

Presseschau 1953

Presseschau 1954

Presseschau 1956