Leben in TrÜmmern

Die Kölner Militärregierung mit Oberstleutnant John K. Patterson an ihrer Spitze bezog am 9. März 1945 ihr „Military Government Office“ im Haus Kaiser-Wilhelm-Ring 2, das damit für einige Monate zum Zentrum der Stadt wurde.

Zu diesem Zeitpunkt war Köln – neben Dresden, Hamburg und Berlin eine der am stärksten zerstörten deutschen Großstädte – nahezu eine „tote“ Stadt. Über 90 Prozent seiner Bewohner hatten das Stadtgebiet verlassen, waren fortgezogen, evakuiert worden, geflohen oder umgekommen. Die Zurückgebliebenen fristeten ihr Leben in der Trümmerwüste zumeist unterirdisch in Kellern und Luftschutzräumen.

Mit der Gauleitung hatte sich nahezu die gesamte städtische Verwaltung über den Rhein abgesetzt. Daher war es eine der vordringlichsten Aufgaben, im Chaos einer völlig zerstörten Großstadt eine Verwaltung aufzubauen und erste zaghafte Schritte in Richtung eines Wiederaufbaus zu unternehmen.

Leben in TrÜmmern | KÖln im FrÜhjahr 1945

„KÖln von oben“

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Menschen in KÖln

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Erste Stadtverwaltung

Das Allianz-Gebäude am Kaiser-Wilhelm-Ring, in dem die Kölner Stadtverwaltung und das britische Militärgericht untergebracht waren. (NS-DOK)

Die ersten deutsche Kräfte, auf die die Militärregierung beim Aufbau der neuen Stadtverwaltung zurückgreifen konnte, waren rund 70 städtische Angestellte, die sich Anfang März der offiziell angeordneten Evakuierung entzogen und im Keller des Kaufhofs auf die Ankunft der Alliierten gewartet hatten. Hinsichtlich der Suche nach weiteren Kräften glaubten die Amerikaner zunächst voller Optimismus, auf eine große Zahl ehemaliger Angehöriger demokratischer Parteien zurückgreifen zu können, die als antifaschistisch eingestellte Menschen in der Lage sin sollten, eine Verwaltung zu bilden, die „willens und fähig ist, sofort mit der Arbeit zu beginnen“.

Es zeigte sich jedoch schnell, dass sich die angestrebte politische Säuberung und der hohe Grad an Parteimitgliedschaften in den Reihen der Kölner Stadtverwaltung vor allem bei der Rekrutierung des dringend nötigen Führungspersonals gegenseitig blockierten. Erschwerend kam hinzu, dass die Suche durch den hohen Anteil noch nicht in die Stadt zurückgekehrter Verwaltungsfachkräfte zusätzlich beeinträchtigt wurde.

Daher sah sich die Militärregierung am 13. März gezwungen, durch Plakatanschlag die Registrierung aller sich im befreiten Stadtgebiet aufhaltenden Beschäftigten des öffentlichen Dienstes anzuordnen. Binnen der ersten 24 Stunden meldeten sich zwar rund 2.000 Personen, doch selbst als deren Zahl am nächsten Tag weiter angestiegen war, registrierte das Personalamt lediglich 41 Beamte, 159 Angestellte und 312 Arbeiter, die nicht Mitglied der NSDAP gewesen waren. Führungspersonal fehlte dabei nahezu vollständig.

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"Die große Stadt sieht wie ein Leichnam aus und stinkt auch so, von all dem nicht weggeräumten Müll, all den Leichen, die immer noch unter Bergen von Schutt und Eisen begraben liegen. Und obwohl die Straßen teilweise geräumt sind, gibt es noch viele Krater, und einige der Nebenstraßen sind unpassierbar. Immer noch gibt es ganze Landschaften völlig unberührter Ruinenfelder." (Bericht von Stephen Spender aus Köln, Juli 1945)

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"Die Verwaltung der Stadt kommt nur sehr langsam in Gang. Nirgends geht es recht voran. Den Amerikanern fehlt anscheinend jede Erfahrung, eine solche Verwaltung in Gang zu setzen. Gäben sie nur den deutschen Männern rechte Freiheit! Vorläufig hemmt der Mangel der Freizügigkeit, das Fehlen aller Transportmittel usw. alles noch sehr. Die Amerikaner sehen nicht, dass Köln das umliegende Land braucht, oder sie sind außerstande, die Grenze der Militärringstraße aufzuheben." (Tagebucheintrag Robert Grosche, 26.3.1945)

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"In Köln sieht die Sache völlig anders aus [als in Bonn]. Die Militärregierung musste die Stadtverwaltung völlig neu aufbauen, weil die Nazis alle verantwortlichen Beamten evakuiert hatten. Praktisch hat das dazu geführt - da man schnellen Ersatz suchen musste - dass die alte katholische Clique, die vor der Nazizeit weitgehend die Geschicke dieser Stadt gestaltete, wieder in den Sattel gesetzt wurde. Mit der Ausrottung des Naziregimes ist man dabei allerdings sehr strikt. Zunächst wurde keiner der alten Beamten, die Mitglied der Nazipartei gewesen waren, wieder eingestellt. Das führte natürlich (…) zu einem ausgesprochenen Personenmangel. Darum ist die Militärregierung auch hier für jeden Rat und jede Hilfe dankbar. Jeder wirkliche Antinazi hat eine große Chance. Vorläufig ist diese Chance im Wesentlichen von den Katholiken benutzt worden." (Bericht Werner Hansen aus Köln, 27.3.1945)

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Karl Winkler nach seiner Ernennung zum Kölner Polizeipräsidenten, März 1945 (Koelnprogramm)

Unter solchen Umständen war es kein Zufall, dass die beiden ersten, am 14. März ernannten Spitzenbeamte mit Polizeipräsident Winkler und Gefängnisdirektors Jacoby vom NS-Regime verfolgte Juden waren, die versteckt überlebt hatten.

Ein tatsächlicher Durchbruch bei der Besetzung der Stadtspitze zeichnete sich erst ab, nachdem Mitte März Kontakte zum ehemaligen Beigeordneten Wilhelm Suth und zu dessen Schwager, dem früheren Oberbürgermeister Konrad Adenauer, hergestellt worden waren. Um seine noch als Soldaten aktiven Söhne nicht zu gefährden, beschränkte sich Letzterer zunächst aber auf eine beratende Tätigkeit.

Am 20. März 1945 wurde Suth offiziell zum vorläufigen Leiter der Stadtverwaltung bestellt, während Adenauer zunächst lediglich beratend im Hintergrund tätig war. Er war aber zweifellos der entscheidende Gesprächspartner von Stadtkommandant Patterson, der der Kölner Stadtspitze am 26. März 1945 einen 17 Punkte umfassenden „Instruktionsbrief“ überreichte, der zunächst die Grundlage von deren Arbeit bilden sollte, die von einem von Adenauer und Suth geforderten „beratenden“ Komitee begleitet werden sollte.

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"Die Spitzen der neuen Verwaltung sind in Godesberg ausgesucht und von dort nach hier übernommen worden. In Godesberg haben eine Anzahl wohlhabender Kölner Bürger den Krieg verhältnismäßig leicht überstanden, weil es dort keine Bombenangriffe gab. Bei der Zusammensetzung der Verwaltung hat der frühere Oberbürgermeister Adenauer eine entscheidende Rolle gespielt, obwohl er zunächst hinter den Kulissen geblieben ist. (…) Der neue Bürgermeister Suth wird allgemein nur als eine Strohpuppe angesehen, die den Thron für Adenauer freihält. Tatsächlich hat das Zentrum in der Stadtverwaltung eine völlig dominierende Position, obwohl die gerissenen Zentrumspolitiker klug genug waren, auch andere Leute hineinzubringen, die z.B. offiziell der Deutschnationalen, der Volkspartei oder gar der demokratischen Partei angehörten, die aber politisch in Wirklichkeit farblos sind." (Bericht Werner Hansen aus Köln, 20.4.1945)

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Verwaltungskonferenz der Kölner Stadtspitze mit (v.l.n.r.) Oberbürgermeister Adenauer, Bürgermeister Suth und den Beigeordneten, 1945 (Historisches Archiv der Stadt Köln)

Nach Kriegsende sprach nichts mehr gegen eine offizielle Ernennung Konrad Adenauers zum Kölner Oberbürgermeister. Damit hatte Patterson seine beiden wichtigsten Ziele erreicht: Die Verwaltung der ersten befreiten deutschen Großstadt war frei von Nationalsozialisten und der Mann an der Spitze eine bedeutende und über jeden Verdacht erhabene Persönlichkeit.

Zu diesem Zeitpunkt zählte auch das rechtsrheinische Stadtgebiet längst zu Adenauers Verwaltungsbereich. Zwischen dem 11. und 14. April besetzt, hatte es bis zum 26. April gedauert, bis die im Linksrheinischen residierende neue Kölner Administration den Auftrag erhielt, die im Rechtsrheinischen offiziell weiterhin amtierende frühere NS-Verwaltung abzusetzen. Hierzu begaben sich drei Vertreter der neuen Stadtverwaltung ins Rechtsrheinische, wo sie ihre „Kollegen“ tatsächlich mitten in einer Verwaltungsbesprechung antrafen. Weil sie fast sämtlich der NSDAP angehört hatten, wurden sie umgehend ihrer Ämter enthoben. Mit dem Rest von nur 14 nichtbelasteten Personen begann danach der Aufbau der für die rechtsrheinischen Stadtteile verantwortlichen Verwaltung. Aufgrund der Zerstörungen lagen deren Dienststellen zunächst allerdings weit verstreut u.a. in Lindlar, Rosbach und Ründeroth.

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Anschlagbrett in der Kölner Innenstadt, 1945. Auf handgeschriebenen Zetteln bieten Kölner*innen Wertgegenstände zum Tausch gegen Nahrungsmittel an. (Chronik Köln, 1997)

Stadtkommandant Patterson musste bald erkennen, dass er sich mit Konrad Adenauer einen starken und selbstbewussten Partner ins Boot geholt hatte. Da er die Verantwortung trage, so erklärte der kurzerhand, müsse ihm auch das Recht zugestanden werden, selbstständig wichtige Positionen zu besetzen. Das war für Patterson eine bittere Lektion, weil Adenauer keinen Hehl daraus machte, mit parteiübergreifenden Kooperationen und weltanschaulichen Zugeständnissen nichts im Sinn zu haben.

Folge war, dass sich die Kölner Verwaltungsspitze schnell ausschließlich aus ehemaligen Zentrumsangehörigen rekrutierte, womit die seitens der Amerikaner mit weitreichenden politischen Ambitionen installierte Stadtverwaltung gänzlich in Händen der katholisch-konservativen Honoratiorenschicht lag. Obwohl die Strukturen der Linksparteien vom NS-Regime keinesfalls völlig zerschlagen worden waren, fehlten zunächst doch deren wichtigsten Repräsentanten. Folglich traten weder KPD noch SPD in Köln zunächst kaum in Erscheinung und konnten so gut wie keinen Einfluss auf dessen Geschicke nehmen. Wie im Herbst 1944 bereits in Aachen beherrschten auch Köln Politiker aus Reihen des früheren Zentrums sowie Angehörige des liberalen und liberal-konservativen Milieus die Szene.

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"Der Kölner Klüngel, der bereits vor Hitler nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa bekannt war, feiert unter den Fittichen der Militärregierung Triumphe. Conrad Adenauer, der jetzt wieder Oberbürgermeister von Köln geworden ist, und von dem bereits früher bekannt war, dass er ziemlich autokratisch herrscht, ist älter und noch unzugänglicher geworden. Nicht in den Verwaltungskonferenzen der Stadtverwaltung, sondern in einem kleinen Kreis von Auserwählten, der allabendlich bei Adenauer zusammenkommt, wird über das Schicksal der Kölner Bevölkerung entschieden. Seitdem Adenauer wieder hier ist, hat sich die Situation so zugespitzt, dass [sich] das einzige Mitglied der früheren freien Arbeiterbewegung in dem Kreis der Kölner Beigeordneten, Dr. Brisch - früherer Bürgermeister von Solingen - genötigt gesehen hat, von seinem Posten zurückzutreten. Er erklärte mir, dass man dem Kölner Klüngel um Adenauer wie einer undurchdringlichen Mauer gegenüberstehe. Er hatte seit Wochen versucht, eine Unterhaltung mit Adenauer zu erreichen, ohne Erfolg. (…) So versucht der Kölner Klüngel, so lange er offenbar noch den bedingungslosen Schutz der amerikanischen Militärbehörde genießt und noch nicht auf eine öffentliche Meinung oder demokratische Organisation Rücksicht zu nehmen hat, seine Position zu stärken und jeden herauszudrängen, der sich nicht einordnet und unterordnet oder harmlos ist." (Bericht Werner Hansen aus Köln, 20.4.1945)

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Öffentlich ausgehängte Verordnung, geplünderte Nahrungsmittel und Gebrauchsgegenstände an Sammelstellen abzugeben, 27. April 1945 (Historisches Archiv der Stadt Köln)

Bis Juni 1945 hatte der Aufbau der Kölner Stadtverwaltung in vielen Punkten einen ersten Abschluss gefunden. Zentrale Bereiche der städtischen Infrastruktur funktionierten wieder - wenn oft auch noch eher notdürftig, und der Verwaltungsapparat hatte festere Strukturen ausgebildet und seine Effektivität erhöht.

Das drückte sich auch in der Zahl der Beschäftigten aus. Zwar war bei weitem noch nicht wieder der Personalstand der Kriegszeit erreicht, aber mit Ende Juli 1945 gezählten 3.720 Beamten und Angestellten (einschließlich Polizei) sowie 3.979 Arbeitern verfügte die Verwaltung wieder über einen handlungsfähigen Mitarbeiterstab. Ende Dezember 1945 zählte man bereits wieder 12.468 Beschäftigte, davon mehr als die Hälfte Arbeiter.

Dennoch musste vielerorts weiter improvisiert werden. So gab es auch Mitte Juli 1945 noch keine eigenständige städtische Telefonzentrale. Aber allen tagtäglichen Erschwernissen zum Trotz fasste das öffentliche Leben wieder Schritt und nahm zwar langsam, aber kontinuierlich an Fahrt auf – bis es im Laufe der Hungerjahre 1946/48 nochmals zu schweren Rückschlägen kam.

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Beginn des Wiederaufbaus

In Köln galt es beileibe nicht nur die Verwaltung wieder aufzubauen. Die Stadt war buchstäblich am Boden zerstört, und für jedes Leben, das dort künftig sprießen und gedeihen sollte, musste zuerst menschwürdiger (Lebens-) Raum geschaffen werden. Damit türmte sich eine Wiederaufbauarbeit unvorstellbaren Ausmaßes vor den Kölner*innen auf, bei deren Bewältigung zunächst jeder für sich und seine Familie zu sorgen versuchte. Das führte dazu, dass es trotz 16.494 am 20. April 1945 registrierten arbeitsfähigen Männern nicht möglich war, 300 dringend für den Kanalbau und andere wichtige Reparaturarbeiten benötigte Kräfte zu rekrutieren.

Obwohl rund 70 Prozent des Wohnraums weitgehend zerstört waren, ließen sich die Kölner*innen nicht davon abhalten, in ihre Heimatstat zurückzuströmen. Mit dem offiziellen Kriegsende setzte im Mai 1945 eine große Rückwanderungswelle ein. Mitte Mai trafen täglich bereits mehr als 2.400 Personen pro Tag ein, am 29. Mai zählte man allein in den rechtsrheinischen Stadtteilen 2.800 Rückkehrer, die in ihrer großen Mehrzahl über die einzig verfügbare provisorische Bücke auf das andere Flussufer strebten. Im Juni 1945 waren in Köln schon wieder 175.000 Einwohner registriert, einen Monat später rund 250.000 und zum Jahresende schließlich 447.000. Sie alle mussten untergebracht und versorgt werden.

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"Wohin die Gedanken auch gehen, überall brennen sie in Sorge und Ungewissheit und kommen immer nur zu der einen glühenden Bitte: ein Ende Herr, mach ein Ende in diesem wahnsinnigen Chaos!! (…) Ich habe Heimweh nach Köln, nach unserer Pfarre, nach meinen Mädeln, nach all den Lieben, die ich in Not weiß. (…) Der Krieg geht jetzt wohl in die Entscheidung. Es ist mir so schon ganz unfasslich, dass er alleweil noch weitergeht, wo er jeglichen Sinn verloren hat. Der Rhein ist fast ganz überschritten, Frankfurt a.M., Wiesbaden, Aschaffenburg sind gefallen. Wie mag es den Kölner gehen? Wenn es eben möglich ist, fahre ich heim. Ich will wieder helfen, aufbauen anfangen und zwar in unserer Heimat." (Tagebucheintrag der nach Konstanz evakuierten Liesel Strausfeld, 26.3.1945)

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"Wir erhielten am Morgen von den Amerikanern den Befehl, unser Haus bis nachmittags 18 Uhr zu räumen, das waren 6 Stunden Zeit. So zogen wir den ganzen Tag mit zwei Handwägelchen hin und her zu unserer Tante nach Bayenthal, deren Haus in der Novalisstraße nicht in der Sperrzone lag. Nach 5 Wochen, am Montag, 16. April, konnten wir wieder nach Hause, in eine Wohnung, wo alles durcheinander lag. Vieles wird vermisst, vieles ist kaputt, vieles liegt in Nachbarhäusern. Kein Teil steht auf der richtigen Stelle. Alles, was in Schränken, Schubläden, Kisten und Kasten verstaut war, liegt in riesigen Haufen auf dem Boden." (Tagebucheintrag Resi Greven, 11.3.1945)

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"Ich hätte nie geglaubt, noch einmal in meinem Leben kultiviert und zivilisiert leben zu können, als ich im April 1945 durch meine geliebte Stadt Köln ging, keine Bleibe hatte und in der Straße An den Dominikanern in einer Trümmerecke auf den nächsten Morgen wartete." (Erinnerungsbericht von Josefine Schwalbe)

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"Dienstag, 8. 5. 45. Viele Leute kommen zurück, meistens aus dem Bergischen, aber auch von Thüringen und Sachsen, wochenlang sind die Leute unterwegs. Wie die aussagen, sind die Straßen voll Rückwanderer." Tagebucheintrag J.K, 8.5.1945)

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Zeitzeugen

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"Kölner vor dem Gebäude der US-Militärregierung, März/April 1945 (Historisches Archiv der Stadt Köln/National Archives and Records Administration, Washington D.C.)

Die Folge des Menschenstroms waren stetig wachsende Versorgungsprobleme. Das provisorische Rathaus war permanent von großen Menschentrauben belagert, die händeringend nach Unterkunft und Verpflegung suchten. Sowohl der Militärregierung als auch der Stadtverwaltung wuchs die Arbeit schnell über den Kopf, zumal Radioappelle und Plakataktionen, die dazu aufforderten, Köln unbedingt zu meiden, ohne jeden Erfolg blieben. Daher bestimmten die beiden Grundbedürfnisse Unterkunft und Nahrung das tägliche Leben, zu denen dann mit Beginn der kalten Jahreszeit noch ein eklatanter Mangel an Heizmaterial hinzugesellte. Nun rächten sich die massiven Plünderungen am Ende des Krieges.

Bis April 1945 hatten im Stadtgebiet erst 147 Bäckereien, 83 Fleischerläden und 403 Nahrungsmittelläden wieder geöffnet, die dem Ansturm der Menschenmassen nicht gewachsen waren. Die Versorgungslage spitzte sich dramatisch zu. Weil es nicht möglich war, die vom NS-Regime eingeführte Verbrauchslenkung schnell durch ein neues Bewirtschaftungssystem zu ersetzen, lebten die Kölner*innen auch nach Kriegsende noch lange Zeit „auf Marken“. Allerdings reichte das, was auf Bezugsschein erworben werden konnte, immer weniger zum Überleben aus. Zugleich verlor Geld, das bereits während des Krieges massiv an Kaufkraft eingebüßt hatte, immer mehr an Wert.

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"Nach dem Einmarsch der Amerikaner plünderte deutsche Zivilbevölkerung mehrere große Lager, dabei sind große Werte verloren gegangen. Die Plünderer wateten zum Beispiel in der Butter herum. Amerikanische Soldaten sahen lachend zu." (Bericht von Werner Hansen aus Köln, 20.4.1945)

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"...wie Parasiten, die an einem Kadaver fleddern, in Ruinen nach verschütteten Nahrungsmitteln graben und ihren Geschäften auf dem Schwarzmarkt in der Nähe des Doms nachgehen..." (Bericht des britischen Schriftsteller Stephen Spender aus Köln, August 1945)

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"Donnerstag, 5. 4. 45. Heute zum ersten Male seit einem Vierteljahr wieder zur Arbeit. Habe auch die neue Lebensmittelkarte geholt, ist ziemlich mager- Fleisch seit drei Wochen nicht mehr. Kann jetzt nur das Allernötigste machen, nur für das nackte Leben sorgen." (Tagebucheintrag J.K., 5.4.1945)

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"Tatsächlich lebt Köln noch in der Periode des Kriegsanarchismus, aus der es erst allmählich herauskommt. (…) Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung versucht, sich das Leben und den Wiederaufbau selber zu organisieren. Da Geld zunächst eine völlig untergeordnete Rolle spielt (…), ist man auf realere Werte aus. Plündern ist verboten, aber die Überwachung ist noch schlecht. Manche Straßenzüge sind nicht bewohnt, aber in den Kellern der zerstörten Häuser oder in den unbewohnten Wohnungen halbzerstörter Häuser stehen Esssachen, Kleidung, Möbeln - zunächst herrenlos, aber Dinge von unschätzbarem Wert. (…) So sind alle betriebsam und tätig, doch zunächst noch anarchisch und praktisch unkontrolliert von irgendeiner Art von Verwaltung." (Bericht von Werner Hansen aus Köln, 20.4.1945)

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"Fahrt hin, ihr Gedanken an Wiederaufbau (von 58.000 Häusern, die vor dem Krieg in Köln standen, sind heute noch 300 unbeschädigt und völlig bewohnbar, der Rest ist entweder völlig zerstört oder nur zu einem verschwindenden Teil bewohnbar), an einen neuen Gürzenich mit seinen vielen Freuden künstlerischer und geselliger Natur, an ein neues Opernhaus und Schauspielhaus, an ein städtisches, auf ragender Höhe wie ehemals stehendes Orchester, an eine Wolkenburg oder nur Säle für die Übungsabende von Gesangs-Chören. Und wenn wir alle arbeiten würden, wie die Galeerensklaven, der Ertrag würde doch nicht hinreichen, um nur kleinste kulturelle Genüsse zu ermöglichen. Man wird froh sein müssen, wenn man irgendwo einen Flügel oder ein Klavier weiß, an dem man in kleinem Kreise sich etwas Erinnerung an Kultur herbeizaubern kann." (Tagebucheintrag Wolfgang Michels, 27.3.1945)

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"Sonntag, 18. 3. 45. Heute der erste Sonntag ohne ein Stückchen Fleisch. Es gibt pro Woche auf beide Karten 100 Gramm, alle Marken werden aber abgeschnitten. Nächste Woche soll es überhaupt kein Fleisch geben. Alle Geschäftsleute sind Spitzbuben. Keine Butter, Brot bei sparsamstem Verbrauch noch für einige Tage. Morgens, mittags und abends Kartoffeln, und selbst die fehlen mir im kommenden Jahr. Das alles verdanken wir unserem Führer." (Tagebucheintrag J.K., 18.3.1945)

Leben in TrÜmmern | Beginn des Wiederaufbaus

Militärregierung und Stadtverwaltung mussten alles daran setzen, die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten und dauerhaft zu gewährleisten. Dafür galt es eine funktionierende Polizei aufzubauen, denn bis auf eine Handvoll Beamter hatten die ehemals 1.900 Polizisten Köln bei Kriegsende verlassen. Am 10. März ordnete die Militärregierung die Einrichtung einer neuen Polizeizentrale an,deren gesamter Apparat zunächst aus 27 Mann. Am 13. März wurde Karl Winkler zum Polizeipräsidenten. Bereits am nächsten Tag nahmen 17 über das Stadtgebiet verteilte -natürlich überaus dünn besetzte - Reviere ihren Betrieb auf.

Mitte März zählte die Kölner Polizeitruppe 138 Mann. Aufgrund der hohen politischen Belastung der früheren Beamten handelte es sich dabei vor allem um ältere Zivilisten - berufsfremd, ungeschult, unbewaffnet und kaum einsatzfähig. Zu ihren Aufgaben zählten die Durchführung von Pass- und Verkehrskontrollen, die Registrierung neu entdeckter Leichen und die zunächst recht erfolglosen Versuche, weiteren Plünderungen entgegenzuwirken.

Mit dem Bezug einer neuen Unterkunft im ehemaligen Verwaltungsgebäude der Firma Otto Wolff am Kattenbug fand die erste Phase der Reorganisation der Polizeiverwaltung am 12. Mai ihren Abschluss. Bis dahin dort 649 Männer und 28 Frauen tätig, deren Zahl sich bis zum Jahresende auf rund 1.500 erhöhte, von denen allerdings fast 800 als „Hilfspolizisten“ galten. Dennoch war die Polizei zu einem unentbehrlichen Ordnungsfaktor geworden.

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„Fleckfieberstation“ in Köln, Frühjahr 1945 (Koelnprogramm)

Auch andere Bereiche öffentlicher Verwaltung und Fürsorge mussten in Köln schnellstmöglich wieder in Gang gebracht werden. Am 15. März rief die Militärregierung die 31 in Köln verbliebenen Ärzte zusammen, deren Zahl sich eine Woche später bereits auf 81 erhöht hatte. Sie erhielten die Anweisung, sich zunächst auf Impf- und Desinfektionsaufgaben zu konzentrieren, wodurch es gelang, massiv drohende Epidemien im Anfangsstadium einzudämmen. Die Zahl der im Februar registrierten 194 Typhuserkrankungen konnte bis Ende März auf sechs Fälle reduziert werden. Ende Juni 1945 standen den - inzwischen 240.000 – Kölner*innen 1.495 Krankenhausplätze zur Verfügung. Außerdem waren auch Krankentransport und Klinikdienst bereits neu geregelt worden.

Angesichts weiter glimmender Brände und einsturzgefährdeter Ruinen kam war Feuerwehr unverzichtbar. Deren Kölner Einheiten hatten sich allerdings am 5. März unter Mitnahme von Einsatzfahrzeugen und Geräten nach Solingen und Engelskirchen abgesetzt. Nur 14 Feuerwehrleute und ein Brandmeister, den die Amerikaner zum vorläufigen Chef ernannten, waren in Köln geblieben. Ende April wurden die Mannschaften und Fahrzeuge nach Köln zurückgeführt, und ein Branddirektor übernahm die Leitung. Einen Monat später verfügte die Stadt wieder über fünf Feuerwachen und 127 hauptberufliche Feuerwehrmänner.

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"Es gibt noch keine städtische Müllabfuhr. Im Stadtzentrum werden jetzt noch Leichen aus Luftschutzkellern geholt, die seit dem letzten großen Angriff auf Köln dort liegen. Ich weiß nicht, was in diesem Sommer aus den riesigen Trümmerhaufen, in denen alle möglichen Überreste begraben liegen und zu denen vorläufig die neuen Abfälle geschüttet werden, an Ungeziefer sich entwickeln mag. Bis jetzt ist es jedenfalls gelungen, jede Form von Epidemien im Keime zu ersticken. In dieser Beziehung ist von den zuständigen amerikanischen Stellen Hervorragendes geleistet worden." (Bericht von Werner Hansen aus Köln, 20.4.1945)

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März 1945: Soldaten der US-Armee kontrollieren am Kölner Hauptbahnhof (NS-DOK)

Das gilt auch hinsichtlich der Normalisierung des öffentlichen Verkehrs. Diesbezügliche erste Maßnahmen hatten das Ziel, die städtischen Hauptverbindungsstraßen von Trümmern und Militärmaterial freizuräumen. Der Straßenbahnverkehr war im linksrheinischen Köln am 14. Januar 1945 vollkommen eingestellt worden. Ein Fortbewegen in der Kölner Trümmerlandschaft war danach nur zu Fuß oder allenfalls per Fahrrad möglich. Erst Anfang Juni 1945 verkehrte wieder erste städtische Straßenbahnen auf den Ringen.

Seit 24. Mai fuhr nach fast dreimonatiger Unterbrechung wieder ein Personenzug vom Hauptbahnhof in Richtung Pulheim, nachdem bereits Anfang Mai die Strecken Koblenz - Köln, Aachen - Bonn - Köln und Mönchengladbach - Neuss für den Transport lebenswichtiger ziviler Güter freigegeben worden waren. Anfang Juni 1945 kam die Strecke Neuss - Köln hinzu.

Von zentraler Bedeutung für die weitere Entwicklung des Verkehrs waren natürlich funktionierende Rheinübergänge. Deren Instandsetzung markierte wichtige Stationen des Kölner Wiederaufbaus.

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